Quality of Earnings Reports: Was Verkäufer im Mittelstand wissen müssen
Valuation5. Juni 20267 Min.

Quality of Earnings Reports: Was Verkäufer im Mittelstand wissen müssen

Ein QofE-Bericht ist keine Prüfung – er ist das Werkzeug eines Käufers, um Ihr EBITDA neu zu definieren. Wer ihn versteht, sichert sich eine stärkere Position in der Preisverhandlung.

Ein weit verbreitetes Missverständnis unter mittelständischen Unternehmern ist die Annahme, dass ein Testat eines Wirtschaftsprüfers (Audit) den Wert ihres Unternehmens bestätigt. In der Welt der Mergers & Acquisitions (M&A) ist das Audit jedoch lediglich die Eintrittskarte für das Stadion – der eigentliche Spielplan wird durch den Quality of Earnings Report (QofE) bestimmt.

Während eine Prüfung die Einhaltung der Rechnungslegungsgrundsätze (HGB oder IFRS) bestätigt und sicherstellt, dass die Bilanz zum Stichtag "wahr und klar" ist, blickt eine QofE-Analyse weit über diese Formalitäten hinaus. Ihr Ziel ist es, die Nachhaltigkeit und Wiederholbarkeit der Cashflows zu bewerten. Für einen Verkäufer ist es entscheidend zu verstehen, dass Käufer dieses Tool nutzen, um das EBITDA neu zu definieren – oft nach unten.

Die Psychologie hinter den „Adjustments“

Ein QofE-Bericht konzentriert sich primär auf die Bereinigung des EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen). Käufer suchen nach Gründen, warum die historischen Gewinne möglicherweise kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Performance sind. Dabei unterscheiden wir zwischen drei Kategorien von Anpassungen:

  1. Einmaleffekte: Hierzu zählen Versicherungserstattungen, Prozesskosten oder einmalige Boni.
  2. Nicht-marktübliche Kosten: Im Mittelstand sind dies oft das Gehalt des geschäftsführenden Gesellschafters, die Kosten für Firmenwagen der Familie oder Mieten für Immobilien in Eigenbesitz, die über oder unter dem Marktniveau liegen.
  3. Periodenfremde Abgrenzungen: Dies ist der technische Kern des Berichts. Ein QofE korrigiert "Umsatzspitzen" am Jahresende, die durch aggressive Rechnungsstellung ohne entsprechenden Leistungsfortschritt entstanden sind.

Für den Verkäufer bedeutet dies: Ein hohes EBITDA im Vorjahr ist wertlos, wenn der QofE-Bericht nachweist, dass 20 % davon auf einen Großauftrag entfielen, der sich so nie wiederholen wird.

Net working Capital: Die versteckte Preiskorrektur

Ein wesentlicher Teil jedes QofE-Berichts befasst sich mit dem Net Working Capital (NWC). In Kaufverträgen wird oft ein "NWC-Target" festgelegt. Ist das tatsächliche Betriebskapital zum Zeitpunkt des Abschlusses niedriger als dieses Ziel, sinkt der Kaufpreis Euro für Euro.

Käufer nutzen die QofE-Analyse, um Trends im Lagerbestand, in den Forderungen aus Lieferungen und Leistungen und in den Verbindlichkeiten über einen gleitenden 12-Monats-Zeitraum (LTM) zu identifizieren. Wenn Sie als Verkäufer kurz vor dem Verkauf Ihre Lagerbestände drastisch reduzieren, um Cash zu generieren, wird der QofE-Bericht dies als "unnatürlich" entlarven und das NWC-Target entsprechend nach oben korrigieren. Ein fundierter Bericht hilft dabei, Saisonalität objektiv abzubilden, damit der Verkäufer nicht für die normale Volatilität seines Geschäftsmodells bestraft wird.

Umsatzqualität und Kundenkonzentration

Die Analyse geht über die Zahlen im Hauptbuch hinaus. Ein tiefgreifender QofE-Bericht analysiert die Kohorten von Kunden. Wie hoch ist die Abwanderungsrate (Churn)? Wie stabil sind die Margen pro Kunde über die letzten drei Jahre?

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Kundenkonzentration. Wenn ein einziger Kunde mehr als 15-20 % des Deckungsbeitrags liefert, wird ein Käufer einen Risikoabschlag auf das Multiple vornehmen oder eine Earn-out-Struktur verlangen. Der QofE-Bericht dient hier als diagnostisches Instrument, um dem Käufer die Angst vor dem Klumpenrisiko zu nehmen – oder es gnadenlos offenzulegen. Wir raten unseren Mandanten oft dazu, diese Analyse bereits Monate vor dem Verkaufsstart intern durchzuführen, um Argumente für die Treue dieser Schlüsselkunden vorzubereiten.

Sell-Side QofE: Die beste Verteidigung ist der Angriff

Warum sollte ein Verkäufer Geld für einen Bericht ausgeben, den der Käufer ohnehin selbst in Auftrag geben wird? Die Antwort liegt in der Kontrolle des "Narrativs".

Wenn ein Käufer seine eigene Due Diligence durchführt (Buy-Side QofE), wird er jede Unstimmigkeit als Verhandlungschance nutzen, um den Preis zu drücken ("Price Chipping"). Ein Sell-Side QofE ermöglicht es Ihnen, Skelette im Schrank selbst zu finden und proaktiv zu adressieren. Wenn Sie dem Käufer im Datenraum bereits einen professionellen Bericht einer renommierten Kanzlei präsentieren, setzen Sie den Standard für die Definition des EBITDA. Es beschleunigt den Prozess erheblich und minimiert das Risiko, dass der Deal in der späten Phase aufgrund von "überraschenden" Erkenntnissen scheitert.

Fazit: Vorbereitung ist die einzige Währung

Ein Quality of Earnings Report ist kein administratives Übel, sondern das zentrale Dokument der Wertfindung. Wer erst in der Exklusivitätsphase versteht, wie sein Working Capital definiert ist oder warum seine Bruttomarge schwankt, hat die Verhandlungsschlacht bereits zur Hälfte verloren.

Für Unternehmer im europäischen Mittelstand gilt: Vertrauen Sie nicht allein auf Ihr Bauchgefühl oder Ihre Bilanzsumme. Die Vorbereitung eines eigenen QofE ist eine Investition in die Preissicherheit. Sie ermöglicht es Ihnen, mit der gleichen Datenpräzision zu argumentieren wie die Investmentprofis auf der Gegenseite.

QofE vs. Audit: Ein direkter Vergleich für Verkäufer

Um die unterschiedlichen Perspektiven und Ziele von QofE-Berichten und Audits besser zu verstehen, hilft ein direkter Vergleich der wesentlichen Merkmale. Dies zeigt, warum Käufer dem QofE eine so hohe Bedeutung beimessen.

MerkmalAuditQuality of Earnings (QofE)
ZielBestätigung der Rechnungslegung nach StandardsBewertung der Nachhaltigkeit wiederkehrender Cashflows
FokusVergangenheitskonformität, BilanzstichtagZukünftige Ertragskraft, nachhaltiges EBITDA
AdressatPrimär Finanzamt, Banken, AnteilseignerPotentielle Käufer, M&A-Berater
KorrekturenFormaljuristische KorrekturenBereinigungen (Adjustments) für nicht-betriebliche Effekte
Ergebnis"Wahr & klares Bild" der Vermögenslage"Normalisiertes" oder "bereinigtes" EBITDA und Cashflow

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